Skate or Die: Shitstorm trifft Brigitte.de

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Am 29. November stellt die Brigitte-Onlineredaktion eine Glosse ihrer Mitarbeiterin Bianka E. ins Netz. Aufhänger: Skatende Männer Ü-30 sind kindisch – und vor allem nicht nach dem Geschmack der Autorin. Am Liebsten würde sie sie “am ergrauten Schopf packen und anschreien: Hör auf damit! Dafür bist du zu alt.” Den wenigen Zeilen (gerade einmal 224 Wörter) fehlt der notwendige Schmunzelfaktor, um von der betroffenen “Minderheit” nicht als Provokation wahrgenommen bzw. missverstanden zu werden. Im Grunde handelt es sich um einen belanglosen Allerweltstext, wie er täglich hundertfach veröffentlicht wird. Ähnlich haben wohl auch die Macherinnen von Brigitte.de gedacht. Der anschleßende Shitstorm, der auf ihren Webpräsenzen nieder geht, belehrt sie eines Besseren.

Es ist nicht so, dass man es hätte besser wissen müssen. Fakt aber ist: Die Glosse trifft den Nerv der deutschen Skaterszene – und zwar im negativen Sinne. In rasender Geschwindigkeit macht es im Social Web die Runde: Brigitte.de und Bianka E. im Besonderen haben gegen die Community geschossen. Nun schlägt die Community zurück.

Brigitte-Artikel-Auszug

Innerhalb kürzester Zeit brechen Unmengen von empörten Userkommentaren über ihren Web- und Facebookseite ein. Die Kritik ist teilweise humorvoll, häufig aber schwer beleidigend und verunglimpfend (Meme, drastische Fotomontagen, Facebook-Seite “We love Bianka E.” u. v. m.). Trauriger Höhepunkt: Nicht wenige Kommentare rufen offen zur Hetze gegen Bianka E. auf. Diese sieht sich – weil ebenfalls im Auge des Shitstorms – wenig später dazu gezwungen, ihren Facebook-Account umzubenennen. An ihrer statt heizt nun aber ein rasch eingerichteter Fake-Account die Diskussion weiter an. Der Troll macht ganze Arbeit: Einige Blogger, die sich dem Shitstorm angenommen haben, kritisieren Bianka E. für ihr schlechtes Krisenmanagement. All dies muss die Autorin tatenlos über sich ergehen lassen.

Die Onlineredaktion
In Hamburg laufen unterdessen die Glasfaserverbindungen heiß. Hasskommentare auf Facebook, Brigitte.de und per E-Mail veranlassen die Onlineredaktion zu einer ersten Stellungnahme. Man stellt sich schützend vor die Mitarbeiterin, kritisiert die überzogene Reaktion der Skater-Community und sieht sich veranlasst, zahlreiche Kommentare zu löschen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren (Fehler Nr. 1) und den ursprünglichen Artikel zunächst vom Netz zu nehmen (Fehler Nr. 2). Leider zeigt die Stellungnahme keinerlei Verständnis für die emotionalen Wallungen. Sie ist undifferenziert, wenig schlichtend und wirkt teilweise trotzig bis belehrend. So wird der gegenüber der Reaktion geäußerte Vorwurf der Engstirnigkeit kurzerhand der Gegenseite vorgehalten (Fehler Nr. 3). Deeskalation schaut anders aus.

Das sieht man auch bald ein. Auf die erste Stellungnahme folgt wenig später eine zweite. Mit dem Hinweis auf einen fairen Umgang werden die Artikelkommentare auf Brigitte.de wieder freigeschaltet. Eine halbe Stunde später geht auch die Anti-Skater-Glosse wieder online. Doch es hilft alles nichts: Der Shitsorm hat bereits zuviel Fahrt aufgenommen und wird noch eine ganze Weile anhalten. Bis gestern (7.12.12) sind auf der Facebook Fanpage von Brigitte.de keine Posts zu lesen, die nicht von hämischen Kommentaren überzogen sind. Früher oder später wird die Empörungswelle abebben.

Versuch eines Fazits
Und die Moral von der Geschicht? Erstens: Brigitte.de hat eine Community auf’s Korn genommen, die sich nicht nur durch einen starken sozialen Zusammenhalt auszeichnet, sondern auch die Sozialen Medien für ihre Zwecke zu nutzen weiß. Einen solchen Gegner sollte man nicht unterschätzen. Zweitens: Das soll nicht heißen, der Shitstorm sei vorhersehbar gewesen. Das Krisenmanagement hätte jedoch vor allem in seiner Anfangsphase beschwichtigen und vermitteln sollen, anstatt auf der eigenen Position zu beharren. Leichter gesagt als getan – vor allem, wenn man bedenkt, in welchem Tempo sich die Empörung entfaltete. Drittens: Das Social Web hat leider auch eine asoziale Seite. Die Wutreaktion zahlreicher Skater ist für den Außenstehenden nicht nur kaum nachvollziehbar, sie war in weiten Teilen auch nicht hinnehmbar, weil unmenschlich. Verunglimpfungen im dagewesenen Maße und persönliche Drohungen sind durch nichts zu rechtfertigen. Sie lassen sich aber genausowenig vermeiden. Im Fahrwasser eines Shitstorms fahren immer auch Trolle und Radikale mit, deren ehrverletzenden Kommentare bzw. sonstingen Aktionen nicht geduldet werden dürfen. Dabei muss man einen naheliegenden, entscheidenden Fehler vermeiden: Trotz aller Emotionen dürfen Trolle und Radikale keinesfalls mit der gesamten Community gleichgesetzt werden. Dadurch werden sie auf- bzw. die übrigen Mitglieder abgewertet. Der weitere Diskussionsverlauf gestaltetet sich dadurch noch schwieriger, weil er von Extremen dominiert und behindert wird.

Über Daniel Grebe

Hi, ich bin Daniel, 36 Jahre (Stand: Dez. 2013) und Online-Redakteur. Obwohl ich privat und beruflich viel zu viel Zeit vor den Monitoren verbringe, wundere ich mich stets, warum dieselbe immer so schnell verfliegt. An meinen Profilen auf Google +, Facebook oder Twitter wird's ja wohl kaum liegen...

09. Dezember 2012 von Daniel Grebe
Kategorien: Social Media | Schreibe einen Kommentar

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